Boris Iofan ist eine der bedeutendsten Gestalten unter den Architekten der Stalinzeit. Sein Werk umspannt mehrere Entwicklungsetappen der sowjetischen Architektur; den größten Einfluß gewann er in den dreißiger und vierziger Jahren.
Marina Zwetajewa schreibt:
»Das Genie gibt der Epoche den Namen, soweit es die Epoche ist, selbst wenn es sich dessen nicht ganz bewußt wird.«
Die Streitfrage beiseite gelassen, wie die Spitzenarchitekten nach ihrer Qualität in eine Werthierarchie eingestuft werden könnten, ist wichtig zu betonen, daß Boris Iofans Konzept am vollständigsten die Grundideen der 30er und 40er Jahre ausdrückte, nämlich die Idee der Macht und des erreichten allgemeinen Glücks. Seine beispielgebenden symbolischen Bauten - das Haus des Rats der Volkskommissare (SNK) und des Allunions-Zentralexekutivkomitee (WZIK), das Projekt des Sowjetpalastes, die Pavillons der Pariser und New Yorker Weltausstellung - sind der verdichtete Ausdruck der neuen soziokulturellen Lage.
Die Avantgardisten der 20er Jahre hatten der sowjetischen Architektur erneuernde Impulse gegeben, doch in den 30er und 40er Jahren waren ihre innovativen Formideen nicht mehr gefragt. In der Kunst setzte sich allmählich eine andere Richtung durch, die andere Meister erforderte.
Boris Iofan rückte nun in den Mittelpunkt der Ereignisse.
Nach Abschluß der Odessaer Kunstschule im Jahr 1911 arbeitete er zwei Jahre lang in Sankt Petersburg als Assistent des Architekten Alexander Tamanjan und seines Bruders Dmitri Iofan und ging dann nach Rom. Dort trat er in die Hochschule für bildende Künste ein und machte 1916 Examen.
Da er das klassische Erbe bevorzugte, begann er bei dem Architekten Andrea Brasini zu arbeiten. So lernte er die innovativen Strömungen der italienischen Architektur - die Futuristen und die Gruppe Sieben - nicht kennen. Stattdessen brachte ihn seine Vorliebe unwillkürlich dem Neoklassizismus näher.
Boris lofan entwarf und baute viel in Italien, wertete diese Tätigkeit aber später nur als Vorbereitung auf seine Arbeit in Rußland. Er vervollkommnete sein Können im Bereich der Neoklassik und war damit einerseits auf die neue Situation im Kunstleben Rußlands vorbereitet, andererseits aber auch in das allgemeine Formensystem einbezogen, das der Architektur der totalitären Staaten Italien, Deutschland und Rußland zugrunde lag.
Als er 1924 nach Rußland zurückkehrte, war in der sowjetischen Architekturtheorie schon ein bestimmtes Fazit gezogen worden. Moissej Ginsburgs Buch »Stil und Epoche« war erschienen, in den Fachzeitschriften wurde scharf gegen die Konstruktivisten polemisiert, den Architekten war die Aufgabe gestellt worden, einen sowjetischen Stil zu suchen.
Boris Iofan hatte in seiner beruflichen Laufbahn keine Berührung mit der sowjetischen Architektur der zwanziger Jahre gehabt. Er kam als erfahrener Architekt zurück, der künstlerisch und technisch hervorragend ausgebildet war und etliche realisierte Projekte vorweisen konnte (Haus in Narni, Haus in Collina Volpi, Schule in Kalabrien, Lyzeum in Aquileja, Krankenhaus in Perugia und andere).
Schienen Iofans erste Arbeiten das architektonische Thema der zwanziger Jahre fortzusetzen (Arbeitersiedlung von Scherstroi, 1924, zweistöckiger Häuserkomplex in der Russakowstraße, 1925), so plante und leitete er schon 1927-31 den Bau des Wohngebäudekomplexes in der Serafimowitschstraße (Haus des WZIK und SNK der UdSSR). Dieser wurde nicht nur zu einem Markstein in seinem Schaffen, weil hier die modernsten technischen Errungenschaften verwendet und komplizierte kompositorische Aufgaben gelöst werden mußten. Es stellte
auch einen ideologischen Gestus dar. Der raffinierte Formenschatz und die Experimente der Architekten und Künstler der zwanziger Jahre entsprachen von nun nicht mehr der neuen Symbolik. Im Zuge der allgemeinen Tendenz zur Monumentalität wurden die neoklassizistischen Formen nach und nach reaktualisiert und Kompositionen mit starrer Achse bevorzugt. Für breite Gesellschaftsschichten verbanden sich diese Veränderungen mit der klaren Idee von der realen Verwirklichung der lichten Zukunft.
Boris lofan war genau der Architekt, der in der neuen soziokulturellen Situation gebraucht wurde. Sein Können war evident, er hatte eine Vorliebe für architektonische Ensembles und war immer noch ein romantischer Revolutionär. Die innere Logik in Boris lofans künstlerischer Entwicklung, sein starker Hang zum klassischen Erbe, das er begreifen und transformieren wollte, fiel mit dem sozialen und politischen Auftrag zusammen.
Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, ob Iofan ein Mann Stalins war. Aber er war zweifellos von der Staatsmacht in Dienst genommen, die Ideologie in architektonischer Gestalt zu verwirklichen. So bemerkte Iofan einmal:
»Bei manchen meiner Arbeiten hatte ich Gelegenheit, direkt mit unserem großen Führer und Lehrer, Genosse Stalin, zu sprechen sowie mit dem Oberhaupt unserer Regierung, Genosse Molotow, und anderen Spitzenfunktionären aus Partei und Regierung, die dem Baurat des Palastes der Sowjets angehören.«
Tatsächlich sind mit Iofans Namen die bedeutendsten und programmatischen Projekte verbunden:
das Haus des WZIK und SNK der UdSSR, der Pavillon bei der Pariser Weltausstellung von 1937, der Pavillon bei der New Yorker Weltausstellung von 1939, der Palast der Sowjets, den er im Verlauf der 30er und 40er Jahre projektierte.
Die letztgenannte Arbeit hielt er für sein Lebenswerk. Hier konnte er seine räumlich-bildnerischen und städtebaulichen Fähigkeiten voll entfalten. Was immer er im Lauf seines langen Lebens dann noch entwarf und baute, die 30er Jahre ließen seiner besonderen künstlerischen Begabung den größten Spielraum.
