| Zeitraum | Beschreibung |
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| 1900–1914 | Gesamtplanungs- und Bauzeit |
Gaudí hatte Eusebio Güell 1880 in der Schreinerwerkstatt Edualdo Puntis kennengelernt. In Puntis Werkstatt wurden damals die von Gaudí entworfenen Kandelaber für die Stadt Barcelona gefertigt und Gaudí war ebenso wie viele Kunden Puntis häufig dort anzutreffen. Aus jenem Treffen entwickelte sich eine enge Freundschaft mit Güell und jener hatte bis 1900, dem Jahr in dem der Park begonnen wurde, bereits mehrere bedeutende Aufgaben (darunter den Bau eines Wohnhauses, des sogenannten Palacio Güell) an ihn vergeben.
Güells Vater, Juan Güell y Ferrer wurde 1800 in der Nähe von Tarragona geboren. Mit 18 wanderte er nach Amerika aus und kam im Alter von 36 Jahren wieder zurück. Das Kapital, das er in jener Zeit angespart hatte, bildete den Grundstock für den späteren Reichtum der Familie.
Güell besaß künstlerisches Gespür, war gebildet und liebte es, sich mit den Intellektuellen und Künstlern Barcelonas zu umgeben. Dennoch war er sich seiner bürgerlichen Herkunft bewußt und setzte sich für die Interessen der Arbeiter ein. Anlässlich seiner Ernennung zum Grafen, ließ er sich von Gaudí ein Wappen entwerfen dessen Aufschrift für die Haltung Güells bezeichnend gewesen sein mag: es zeigt eine auf einem Viertelmond sitzende Eule und die Aufschrift »heute edler Herr« (avui senyor) Die andere Hälfte zeigt eine Taube mit einem Zahnrad und ist überschrieben mit »gestern ein Schäfer« (ahir pastor).
Güell stand den sozialreformerischen Aktivitäten in England aufgeschlossen gegenüber und informierte sich auf einer Reise durch die großen Industriezentren im Nordwesten Englands über die Situation der dortigen Arbeiter. Damals scheint er auch mit der Idee der Gartenstadt in Berührung gekommen zu sein und wollte eine ähnliche Siedlung auch in Barcelona verwirklichen.
Zu diesem Zweck erwarb er ein circa 5 ha großes Stück Land auf einem trockenen und unbewaldeten Hügel etwas nordwestlich der Stadtmitte, der sogenannte Montanya Pelada. Das Gelände liegt circa 150-200 Meter über dem Meeresspiegel und bietet einen außergewöhnlichen Ausblick über die tieferliegende Stadt und das Meer. Gaudí entwarf für dieses Gebiet eine kleine Siedlung mit 60 dreieckigen Parzellen von denen jede groß genug war, um einem kleinen Landhaus mit großem Garten Platz zu bieten. Insgesamt sollten weniger als 20 % der Gesamtfläche bebaut sein. Der Rest war privaten und gemeinschaftlichen Freiflächen vorbehalten. Um den Parkcharakter des Geländes nicht zu zerstören, durften die Abgrenzung der einzelnen Parzellen nur 40 cm hoch sein. Güell hatte eine Reihe gemeinschaftlicher Dienste vorgesehen. So zum Beispiel die gemeinschaftliche Benutzung von Karossen und Automobilen, einen Nachtwächterdienst und eine gemeinsame Trinkwasser- und Stromversorgung. Um Fußgänger und Autoverkehr zu trennen, wurden Teile der Strasse aufgeständert und die Fußwege darunter hindurchgeführt. Alle vier der so entstandenen Viadukte wurden zusammen mit den Eingangspavillons und der Umfassungsmauer bis 1903 fertiggestellt. Von den ursprünglich geplanten 60 Häusern wurden jedoch nur zwei verwirklicht. Eines bewohnte Dr. Tardi, ein Freund Gaudís, das andere ab 1906 er selbst. Heute befindet sich darin das Gaudí-Museum.
Der Park wird vollständig umgeben von einer Natursteinmauer. Um es unmöglich zu machen, die Mauer ohne Hilfsmittel zu übersteigen, wurde die Mauerkappe so ausgeführt, daß ihre Unterkante über die Vorderkante der Mauer hinausragt. Außerdem besitzt sie an der Oberkante eine Wölbung deren Radius so groß ist, daß man sich nicht mit der Hand daran festhalten kann. Dieser Teil der Mauer ist abwechselnd mit weißen und roten Feldern aus Keramikbruchstücken belegt und dadurch glatt.
Im Abstand von circa acht Metern wird dieses Band von circa zwei Meter großen Medaillons unterbrochen in die abwechselnd die Inschriften »Parc« und »Güell« eingelegt sind.
Der Haupteingang an der Südseite des Parks wird gebildet von zwei Pavillons. Das Gebäude auf der linken Seite sollte zum Empfang von Besuchern dienen und Telefonzellen sowie sanitäre Einrichtungen beinhalten.
Der Bau auf der rechten Seite diente als Wohnhaus für den Pförtner. Für beide charakteristisch sind das rotbraune Sichtmauerwerk und die gewölbten, mit bunten Keramikmosaiken bedeckten Dächer. Die Begrenzungsmauern des Parks scheinen ohne Übergang in die Außenwand der Pavillons überzugehen. Dadurch entsteht der Eindruck, daß die Pavillons durch eine Einkrümmung der Gartenmauer entstehen.
Der Servicepavillon auf der linken Seite besitzt eine hohe blau-weiß karierte Spitze, die mit einem filigranen Geflecht aus verdrillten gußeisernen Bändern und dem von anderen Bauten bekannten dreidimensionalen Kreuz bekrönt ist. Alle Öffnungen des Pavillons haben abgerundete Ecken und einen breiten Rahmen aus blau-weißem Mosaik. An der zur Straße gewandten Seite bildet ein geschwungener dreieckiger Giebel den Abschluß der Fassade. Auf der Parkseite befindet sich ein mit hohen Zinnen begrenzter Umgang. Den Abschluß der Dachwölbung bildet eine niedrigere ebenfalls mit Keramik belegte und mit kleineren Zinnen umgebene Spitze.
Das Pförtnerhäuschen auf der anderen Seite ist diesem in Form und Materialien sehr ähnlich.
Hinter den Pavillons befindet sich ein kleiner Platz an dessen rechter Seite ein runder Unterstellplatz für drei Fuhrwerke in den Hang hineingebaut ist. Das Dach ist als Terrasse ausgeführt und wie der Servicepavillon mit weißen Zinnen begrenzt.
Hier beginnt eine große Treppe deren symmetrisch angeordnete Läufe durch ein Beet und einen Brunnen voneinander getrennt werden. Die seitlichen Wände und die Begrenzungen der Beete sind mit einem Muster aus rechteckigen und quadratischen Feldern aus glasierten Keramikbruchstücken belegt. Am Ende der Treppe gelangt man in eine dorische Säulenhalle, die auch Markt oder Bazar genannt wird. Hier sollte nach den Vorstellungen Gaudís ein Markt für die Bewohner der Kolonie stattfinden. Die äußerste Säulenreihe ist ähnlich dem griechischen Vorbild, jedoch vielfach verstärkt, nach innen geneigt. Bei der Decke dieser Halle wurde zum ersten mal in Spanien mit armiertem Beton gearbeitet. Sie besteht aus dünnen, mit Stahlbändern aus Güells Textilfabrik bewehrten Betonschalen, die auf der Unterseite ebenfalls mit Mosaiken belegt sind. Sie wurden wie auch die Mosaike der darüber befindlichen Sitzbank von einem engen Mitarbeiter Gaudís, dem Architekten Josep M. Jujol, ausgeführt. An drei Stellen hat Gaudí je eine beziehungsweise zwei Säulen weggelassen, um einen großzügigeren Raumeindruck zu erzielen. Dort befinden sich große runde Mosaiken an der Decke.
Über der Säulenhalle befindet sich das sogenannte griechische Theater. Dies ist ein circa 86 × 40 Meter großer Platz, dessen hangseitiges Ende mit einer halbkreisförmigen Wand aus Bruchsteinmauerwerk abschließt. Wie fast überall benutzt Gaudí auch hier die beim Bau der Straßen angefallenen Gesteinsbrocken zum Bau oder zur Verkleidung der Mauern und Säulen der Viadukte. Der Platz selbst liegt senkrecht zum Hang, sodaß er zur einen Hälfte über der Säulenhalle und zur anderen Hälfte auf festem Untergrund liegt. Anfallendes Regenwasser kann durch den aus Schotter, Kies und gestampfter Erde bestehenden Boden des Platzes bis auf die Betonschalen durchsickern und in die über den Stützen befindlichen Einläufe abfließen. Durch Hohlräume in den Säulen gelangt das Wasser dann in die unter der Säulenhalle liegende Zisterne.
Den Rand des Platzes bildet eine anatomisch geformte und mit Keramikmosaiken belegte Sitzbank die sich über drei Seiten erstreckt. Sie ist wegen ihrer Länge und Farbigkeit das Hauptelement des Platzes. Da die Säulen des sogennanten Marktes nicht in einer Reihe senkrecht zum Eingang stehen, sondern sozusagen auf Lücke, schließt der Rand des darüberliegenden Platzes in einer Schlangenlinie ab. Die Sitzbank folgt dieser Bewegung und schafft so kleine abgegrenzte Bereiche und gewinnt an räumlicher Tiefe. Alle Teile der Bank wurden vorgefertigt und in fertigem Zustand auf der Baustelle montiert.
Große Teile des Parks waren bereits drei Jahre nach Baubeginn im Jahre 1900 fertiggestellt. Dazu gehören die Umfassungsmauer, die Eingangspavillons und die Straßen mit den vier Viadukten.
Nachdem bereits 1922 der Park in den Besitz der Stadt übergegangen war und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte, wurden erstmals in den 60er Jahren umfangreichere Sanierungsarbeiten vorgenommen. Dem ist es zu verdanken, daß man dadurch Einblick in die Konstruktionsweise einzelner Bauteile gewann. So berichten zum Beispiel zwei Architekten, die die Baustelle besucht hatten, daß viele der Stützen hohl seien und lediglich aus Bruchsteinen bestünden, die mit Beton zusammengehalten würden. Martinell hält dies bei dem zuerst und zuletzt genannten Viadukt für möglich. Die anderen jedoch geben den Eindruck, massiv gemauert zu sein (C. Martinell, Seite 371).
Ganz im Osten des Parks sollte auf einer kleinen Anhöhe eine Kapelle errichtet werden. Den Angaben eines damaligen Freundes von GaudÌ zufolge, wollte er ihr das Aussehen einer Rose geben. Da jedoch das Projekt der Kolonie schon in den ersten Jahren auf wenig Resonanz stieß, wurde auf die Kapelle verzichtet und stattdessen drei einfache Kreuze auf einem Postament aus Bruchsteinen errichtet.
Gaudís Werk wurde unterschiedlich eingeschätzt. Obwohl schon zu seinen Lebzeiten seine Bauwerke als Ausdruck katalanischer Identität von seinen Zeitgenossen gewürdigt wurden, standen ausländische Kritiker seinem Werk recht ratlos gegenüber. Gaudís Architektur wurde sogar mit jener Verschrobenheit des Postbeamten Ferdinand Chevals verglichen, der während seiner 40 -jährigen Amtszeit auf seinen Dienstwegen Steine gesammelt hatte, um daraus sein eigenes Schlößchen zu bauen. Tatsächlich findet man bei oberflächlicher Betrachtung keine geeigneten Vorbilder und Architekten, von deren Bauten man sagen könnte, daß sie in der Nachfolge oder unter dem Einfluß Gaudís entstanden seien.
Erst viele Jahre nach Gaudís Tod waren es vor allem Architekten, die seine volle Bedeutung erkannten. Le Corbusier hatte 1928 Gaudís Bauten in Barcelona besucht und einen, die kleine zur Kirche Sagrada Familia gehörende Schule in seinem Skizzenbuch festgehalten. Dreißig Jahre später schreibt er: »Gaudí ist der Konstrukteur der Jahrhundertwende, der berufene Baumeister in Stein, Eisen oder Backstein.«(in: Prats-Gomis, Gaudí. 1958).
Josep Lluis Sert, ebenfalls Architekt und wie Gaudí Katalane, sieht Gaudís Bedeutung für die Gegenwart in der gelungenen Synthese von Kunst und Technik. Sert und sein Mitautor James Sweeney beklagen die zunehmende Rationalisierung und Verarmung des Bauens durch die Nichtbeachtung der assoziativen und imaginativen Aspekte der Architektur. Was in den 20 er Jahren erreicht wurde sei zwar notwendig gewesen, habe aber heute in einem puristischen Funktionalismus geendet, der für jede Bauaufgabe diesselbe undifferenzierte Bauform zur Lösung anbiete. Heutige Architektur gehe zumeist aus nüchternen, sorgfältig gemachten aber phantasielosen Analysen hervor und die bloße Funktionserfüllung mache sie zu einem menschenfernen technischen Experiment, das an eigentlichen Bedürfnissen vorbeigeht.
Gaudís Leben, seine Ausbildung, seine außergewöhnlich tiefe Religiosität, seine Beziehung zur Natur, seine Bedeutung als Konstrukteur und Bildhauer, den Einfluß, den die Schriften von William Hogarth, John Ruskin und Eugene Violett-le Duc auf ihn ausgeübt haben- auf das, was uns die Persönlichkeit Gaudís näherbringen würde, kann hier nicht im einzelnen eingegangen werden.
All diese Aspekte scheinen jedoch in gleichem Maße bei der Gestaltung des Parks eingeflossen zu sein. Zeitlebens war für Gaudí die Natur sein Leitbild. Seinen Freunden und Bekannten gegenüber wies er immer wieder auf die geschwungenen Linien jeder Naturerscheinung hin. Es interessierte ihn jedoch nicht die zweidimensionale Nachahmung konkreter Naturformen, wie das in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts auch im katalonischen Jugendstil, dem sogenannten Stil Nuovo, üblich war. Gaudí interessierte sich vielmehr für die hinter der Erscheinung stehende innere Struktur der Dinge. Besonders in seinem Spätwerk bemerkt man, wie die anfänglich sprichwörtliche Benutzung von Naturformen einer reiferen und technisch-strukturellen Anwendung Platz macht (Stützen in der Kirche Sagrada Familia, Gewölberippen der Kapelle in der Colonia Güell und der Casa Milá).
Im Parc Güell sind alle Elemente des Parks auf harmonische Weise in die Landschaft eingefügt. Die Strassenführung ordnet sich der Topographie des Geländes unter. Alle Stützen der Viadukte sind aus dem direkt am Berg vorhandenen Stein entweder gemauert oder damit verkleidet und entsprechen somit bezüglich der Farbe aber auch der Art ihrer Konstruktion den natürlichen Gegebenheiten.
Wo die Wölbungen der Viadukte nicht vom Stein selbst getragen werden, sind die gußeisernen Träger mit Steinen verkleidet und die Felder dazwischen mit Steinen ausgelegt.
Die das griechische Theater zum Hang hin abschließende Stütz-mauer ist ganz aus Naturstein verschiedener Größen gemauert und trägt korbförmige Pflanztröge, die durch ihre baumartige Tragkonstruktion eine natürliche Beziehung zu den auf der anderen Strassenseite stehenden Palmen schaffen.
Durch die Verwendung von Keramikabfällen an den Stützmauern des Eingangsbereiches und bei der Sitzbank auf dem großen Platz gelang es nicht nur, gewölbte Oberflächen zu belegen und dadurch neue plastische Qualitäten zu schaffen, sondern auch den Anspruch an Haltbarkeit und Wetterbeständigkeit mit dem Wunsch Güells nach kostengünstigen Lösungen zu verbinden.
