| Zeitraum | Beschreibung |
|---|---|
| 1506–1614 | Gesamtplanungs- und Bauzeit |
Die herausragende religiöse Bedeutung der Memorialkirche des Apostelfürsten und ersten römischen Bischofs Petrus fand in allen Entstehungsphasen auch in ihrer architektonischen Erscheinung und künstlerischen Ausstattung einen adäquaten Ausdruck. So dokumentiert die Geschichte der größten und bedeutendsten Kirche des Christentums auch jene des Papsttums.
Bereits ihrem frühchristlichen Vorgängerbau war über Jahrhunderte eine herausragende Stellung innerhalb der christlichen Architektur beschieden. Diese Vorrangstellung festigte sich dann endgültig mit dem 1506 begonnenen Neubau, der die Peterskirche eineinhalb Jahrhunderte lang zu einem einzigartigen künstlerischen Brennpunkt werden ließ. Nahezu alle bedeutenden Architekten und Bildkünstler von der Hochrenaissance bis zum Hochbarock wirkten an dem ehrgeizigen Projekt mit, das entscheidend dazu beitrug, dass Rom zu Beginn des 16. Jahrhunderts Florenz als wichtigstes Kunstzentrum der westlichen Welt ablöste.
Der frühchristliche Vorgängerbau war bereits kurz nach 320 als Stiftung Konstantins des Großen als Memorialkirche über dem angeblichen Grab Petri begonnen worden. Sie wurde über einer heidnischen Nekropoleerrichtet, die sich unweit des Circus Neronis befand. Dort nämlich soll der Apostel 67/68 n. Chr. im Zuge der Christenverfolgung unter Nero sein Martyrium erlitten haben. Der erste zum Christentum bekehrte Kaiser ließ eine fünfschiffige, flachgedeckte Basilika mit breitem Querschiff und halbrunder Apsis errichten. Der im Mittelalter immer wieder durch Anbauten von Kapellen oder Mausoleen erweiterte Bau von Alt St. Peter sollte in seiner Größe bis zur Errichtung der dritten Abteikirche von Cluny (1088 begonnen) unübertroffen bleiben. Nachdem noch 1452-55 ein Umbau des Apsisbereichs erfolgt war, ließ Papst Julius II. (1503-13) den konstantinischen Bau zugunsten eines Neubaus niederlegen, dessen Größe und Pracht den Vorgänger bei weitem übertreffen sollte.
Am 18.4.1506 erfolgte die Grundsteinlegung zu einem gigantischen Neubauprojekt, dessen Finanzierung zu nicht unerheblichen Teilen aus Ablassgeldern erfolgte. Die Errichtung des sakralen Zentrums der Christenheit sollte somit auch zu deren Spaltung beitragen.
Die ersten Entwürfe hatte Donato Bramante geliefert. Sein Projekt sah einen Zentralbau über dem Grundriss eines Griechischen Kreuzes vor, dessen von vier Nebenkuppeln begleitete Hauptkuppel von vier Pfeilern getragen werden sollte. Doch wurde bis zu Bramantes Tod im Jahre 1514 nur der Vierungsbereich vollendet. Unter Bramantes Nachfolgern Raffael, Fra Giocondo, Giuliano da Sangallo, Baldassare Peruzzi und Antonio da Sangallo d. Ä. machte der Bau nur unwesentliche Fortschritte, so dass es dem 1546 von Paul III. berufenen Michelangelo vorbehalten blieb, die Arbeiten entscheidend voranzutreiben. Er veränderte dabei deutlich die Entwürfe seiner Vorgänger und ließ teilweise sogar bereits errichtete Teile wieder abtragen. Bei seinem Tod im Jahre 1564 war der Bau bis zum Kuppeltambour aufgeführt. Die Kuppel selbst wurde unter leichter Abwandlung der Pläne Michelangelos von dessen Nachfolgern Vignola, Giacomo della Porta und Domenico Fontana bis 1593 fertig gestellt.
Die vom Bau der Mutterkirche des Jesuitenordens Il Gesù ausgehende Tendenz einer Kombination aus Zentral- und Longitudinalbau fand auch an der Peterskirche ihren Niederschlag. So fügte Carlo Maderno ab 1603 auf Geheiß Pauls V. dem Zentralbau im Osten ein einschiffiges Langhaus mit begleitenden Kapellenreihen an, dem er eine zweigeschossige Vorhalle mit der berühmten Benediktionsloggia vorblendete. Den endgültigen Abschluß fanden die Arbeiten mit der Vollendung der Fassade im Jahre 1614.
Vor der Fassade legte Gian Lorenzo Bernini 1655-67 mit der Piazza di S. Pietro den wohl berühmtesten Platz der Welt an. Er schuf mit dem aus einer quergelegten Ellipse und einem scheinperspektivisch auf die Peterskirche bezogenen Trapez (Piazza Retta) bestehenden Petersplatz eine eindrucksvolle Kulisse für die Zusammenkunft der Gläubigen aus aller Welt. Das Oval umsäumte er mit halbkreisförmigen Kolonnaden aus dorischen Säulen und Pfeilern, die nahtlos in die Flügelbauten der Piazza Retta überzugehen scheinen. Wie diese werden auch die Säulengänge Berninis von insgesamt 140 Heiligenstatuen bekrönt.
Mit einer Länge von 211 m und einer Grundfläche von 15.160 m² bietet die größte Kirche der Christenheit rund 60.000 Gläubigen Platz. Natürlich blieb der Gigantismus dieser Architektur nicht ohne weitreichende Konsequenzen auf die ästhetische Gestaltung
So sah sich etwa Maderno bei der Gestaltung der Fassade mit den Proportionen einer in Relation zu ihrer Höhe (45 m) viel zu breiten Fassade (115 m!) konfrontiert. Er versuchte diesem Problem mittels einer mächtigen Gliederung der beiden Hauptgeschosse durch Säulen und Pilaster zu begegnen, die sich zur Mitte hin plastisch stark verdichtet. Eine zusätzliche Betonung der Portalzone und der darüber befindlichen Benediktionsloggia erreichte Maderno durch einen dort dem mächtigen Gebälk aufruhenden Mittelgiebel. Die Gliederung der beiden Untergeschosse wird in den Pilastern des darüber liegenden Attikageschosses wieder aufgenommen.
Die breite, zweigeschossige Vorhalle öffnet sich sowohl zum Petersplatz als auch zum Langhaus durch jeweils 5 Portale. Hierin dürfte eine Reminiszenz an die Fünfschiffigkeit des frühchristlichen Vorgängerbaus zum Ausdruck kommen.
Das tonnengewölbte Langhaus folgt als einschiffiger, von Kapellen begleiteter Raum dem von Il Gesù ausgehenden Grundtypus römischer Kirchen des Frühbarock. Maderno blendet den die Kapellen trennenden Pfeilern riesige kannelierte Doppelpilaster mit korinthischen Kapitellen vor, deren Größe jeweils der eines Kleinbusses entspricht (!). Diese tragen ein mächtiges Gebälk, über dem sich das kassettierte Tonnengewölbe erhebt. Mit diesem schlichten, eingeschossigen Wandaufriß wahrt der Architekt die »Überschaubarkeit« des riesigen Raumes.
Die monumentale Wirkung des Langhauses erfährt im Bereich der Vierung noch eine Steigerung, die vor allem aus der Fülle des durch die Kuppel einfallenden Lichts resultiert.
Über vier fünfeckigen Pfeilern, deren Durchmesser jeweils 24 m (!) beträgt, erhebt sich die Kuppel mit ihrem von 16 Fenstern durchbrochenen Tambour. Dieser wird am Außenbau durch 16 Säulenpaare, die zwischen den als Ädikulen gestalteten Fenstern erscheinen, plastisch akzentuiert. Diese Gliederung setzt sich in den Verkröpfungen des darüber befindlichen Gebälks und den Rippen der Kuppel fort. Das Motiv der plastisch aufgesetzten Rippen verweist ebenso auf die Vorbildlichkeit der von Filippo Brunelleschi erbauten Kuppel des Florentiner Doms wie die Gestaltung der Laterne als runder Tempietto.
Von der einzigartig reichen künstlerischen Ausstattung der Peterskirche sei zunächst auf die von Bernini geschaffene liturgische Ausgestaltung des Vierungsbereichs und der Apsis hingewiesen. 1624-33 schuf Bernini im Auftrag Papst Urbans VIII. den 29 m hohen Bronzebaldachin, der sich unmittelbar über dem Petrusgrab und dem Papstaltar erhebt. Mit den gewundenen Säulen und der Bewegtheit der wogenden Massen des »Stoffes« erreichte Bernini ein Maximum an barocker Dynamik. An dieses Gestaltungsprinzip schloss Bernini auch 1657-66 bei der im Auftrag Papst Alexanders VII. erfolgten Gestaltung des wandfüllenden Altaraufbaus an, der die Cathedra Petri umgibt. Das karolingische Stuhlreliquiar, das traditionell als der Bischofsthron Petri angesehen wird, erscheint als von den vier Kirchenvätern getragen. Darüber befindet sich eine stuckierte Engelsschar auf Wolken. Die Szenerie wird durch ein ovales Alabasterfenster, vor dem eine Taube als Symbol des Heiligen Geistes erscheint, effektvoll beleuchtet.
Von der plastischen Ausstattung verdienen noch die 1499-1500 von Michelangelo geschaffene Marmorgruppe der Pietà sowie die Sitzfigur des Petrus von Arnolfo di Cambio besondere Beachtung.
Aus der Reihe bedeutender Grabmäler ragen insbesondere jene der Päpste Innozenz VIII. (1498 von Antonio del Pollaiuolo), Paul III. (1551-75 von Giacomo della Porta), Urban VIII. (1642-47 von Bernini) und Alexander VII. (1671-78 von Bernini) hervor.
