| Zeitraum | Beschreibung |
|---|---|
| ca. 1775–1779 | Gesamtplanungs- und Bauzeit |
Claude-Nicolas Ledoux, ein französischer Baumeister des 18. Jahrhunderts lebte und arbeitete in der Zeit von 1736 bis 1806.
In seinen Bauten vollzog sich der Übergang zu einem strengen Klassizismus. Dieser radikale Klassizismus, den eine avangardistische Minderheit unter den europäischen Architekten propagiert strebt Vereinfachung und reine Formen an.
In dieser Zeit verkündet Jean Jacques Rousseau, ein Philosoph der Ledoux in seinem Denken sehr beeinflußt hat, die Rückkehr zur Natur. In der Architektur bedeutet das die Rückkehr zu den Anfängen ‒ zur Antike.
Der rigorose, revolutionäre Klassizismus, wie er auch genannt wird, hat seine Wurzeln in den Gedanken der Aufklärung, die die Klarheit und die Wahrheit vertreten.
Die reinen Formen sind für Ledoux die elementaren geometrischen Körper: Würfel, Kugel, Prisma, Zylinder, Pyramide und Kegel. Sie scheinen in ihrer mathematischen Reinheit die geeignete Grundlage für einen Neubeginn in der Architektur zu bilden. Sie sind nicht an bestimmte Stile der Vergangenheit gebunden und sie gehorchen nur ihren eigenen mathematischen Gesetzen, und entsprechen damit der Vernünftigkeit der Aufklärung und symbolisieren die Tugenden, die die Revolution durchsetzen will.
Elementarformen in großen Dimensionen beginnen die Vorstellung zu beherrschen. Wegen ihrer praktischen Unbrauchbarkeit erscheinen sie vor allem in abstrakten Idealentwürfen, wie hier zum Beispiel der Friedhof in der Idealstadt Arc-et-Senans von 1804.
Dieser Entwurf zielt weniger auf die praktische Realisierung, als vielmehr auf Empfindungen und Assoziationen, die den Betrachter zum Nachdenken über die Gesetze der Geometrie, die Wahrheit der Formen und die Reinigung der Architektur von überflüssigen Beigaben führen sollen. Projekte dieser Art sind entstanden teils aus Kritik an der offiziellen Architektur, teils aus Mangel an Aufträgen während der französischen Revolution.
Ledoux war ein ganz und gar sprunghafter Denker und Architekt. Er hat es nie geschafft eine tragfertige und nachahmbare Theorie hervorzubringen. Sein Ziel war es, ein inspirierter Genius zu sein, und er war von sich überzeugt, er sei der revolutionäre Prophet, sowohl in der Architektur als auch in der Moral. In der Zeit um 1789 endet Ledoux als unverstandener Philosoph, dank der Wirren der französischen Revolution. Die Unterbrechung einer seiner wichtigen Baustelle in Aix, seine Einkerkerung und schließlich familiäre Mißstände haben ihn verbittert. Seine Interessen waren zu sehr mit denen des Ancien regime verbunden. Seine Bauten dienten den Gegnern der Monarchie als Zielscheibe. Er wußte, daß er dazu verbannt war untätig zu sein.
Zeit seines Lebens erbaute er die Salinen von Arc-et-Senans im Jahre 1774 und die 44 Zollhäuser für Paris, die in der Zeit von 1785 bis 1787 entstanden sind. Besonders an diesen kleinen Zweckbauten demonstriert er die Wirkung einfacher Baukörper und klarer Formen in immer neuen Verbindungen.
Die Salinen von Arc-et-Senans verkörpern für Ledoux seine Vision von der idealen Stadt. An diesen Entwurf ist zu erkennen daß er mit einem autoritären Regime rechnete, entwarf aber die ärmsten Unterkünfte, die Hütten der Arbeiter, nicht weniger erhaben als die Häuser der Oberschicht.
Ledoux ging davon aus, daß der Mensch von Natur aus gut ist, kein Individuum ist so schlecht, daß es nicht durch gute Erziehung und durch gute Lebensbedingungen gebessert werden könnte. Was den Mensch letztendlich schlecht macht sind die Mißstände , die in den Städten vorzufinden sind.
Begrenzte und gut angelegte Siedlungen auf dem Lande würden dem Menschen den Segen der Arbeit sichern, ohne die es kein Glück gäbe. Die Luft, das Wasser, der Raum, das Licht seien Gaben der Natur, die jeder empfangen sollte. Um das Risiko von Epidemien einzuschränken legte er Schlachthäuser, Hospitäler und Friedhöfe in weite Entfernung von den bewohnten Zonen. Wegen der Brandgefahr sollten die Gebäude nicht zu nahe beieinander liegen. Jede Familie sollte ihren Garten bestellen und ernten, was sie zu ihrem Lebensunterhalt brauchte. Einerseits sollten die Familien sich voneinander absondern, andererseits sich zum Spiel, sportlichen, literarischen und musikalischen Tätigkeiten vereinen. Ledouc hoffte nicht die sozialen Unterschiede vollkommen zu beseitigen, aber sie zumindest zu verringern. Mit den Salinen von Arc-et-Senans hat Ledoux bewiesen, daß auch Arbeiterwohnungen und der Industriebau der sorgfältigen Überlegung des Künstlers bedürfen, und bald danach haben Architekten Fabriken und Lagerhäuser gebaut, die ebenso rationell wie harmonisch waren.
Ledoux bot mit diesem Projekt der Salinen ein praktisches Modell, und somit war er mitverantwortlich für eine tiefgreifende Revolution in der Architektur.
Die von Ledoux gebauten Salinen in Arc-et-Senans sollten die in der Saline von Chateau-Salins nicht genutzten Salzwasser nutzen. In der Produktionsstätte wurde das über ein vier Meilen langes Kanalsystem herangeführte Wasser in eisernen Tiegeln, die über Holzfeuer hingen kristallisiert. Das hierfür notwendige Brennmaterial lieferte der Wald von Chaux (der eigentliche Grund für die Lage des Standorts). Der Entwurf sah eine Produktionseinheit mit angeschlossener Wohneinheit vor.
Der erste Entwurf ordnete die Funktionen Arbeiten und Wohnen nebeneinander um einen zentralen quadratischen Hof. An den Ecken und in der Mitte jeder Hofseite gab es zweigeschoßige quadratische Bauten, um die wichtigsten Funktionen aufzunehmen. Gegenüber der Eingangsseite, an der Rückseite der Anlage lag die eigentliche Fabrik, die Solsiederei. Die Struktur des Entwurfs vereinte alle zur Saline gehörigen Bauteile um einen Hof. Im Aufriß läßt sich das Schema eine barocken Flügelbaues mit hervortretender Mitte und verbindenden Flügeln erkennen. Dieser Entwurf dient noch als Beispiel barocker Entwurfsmethodik, welche eine rhythmische Aufteilung, ein harmonischen Gleichgewicht ungleichwertiger Teile zu erreichen versuchte, obgleich aus anderer Sicht der Entwurf wie auch der ausgeführte Entwurf »hart« durchkonstruiert sind i. Vergl. zum klassisch-barocken Empfinden. Aus der Aufzählung der einzelnen Funktionen (siehe Legende) geht hervor, daß die einzelnen Arbeitsgänge jeweils genau berücksichtigt sind. Die einzelnen Teile sind zu einem räumlich einheitlichen Ganzen zusammengeschlossen. Der nüchterne und disziplinierte Entwurf zeigt deutlich den Willen zur Rationalisierung der Architektur. Die reibungslose und witterungsunabhängige Zirkulation (überdachte Gänge) war eine funktionale Neuerung.
Die Gärten benutzt Ledoux als Gegenstück zur Industrielandschaft, unter anderem um den Arbeitern einen Lebensrahmen zu schaffen. Dieser soziale Aspekt, der architektonische Ausdruck seiner Vision stört die Auftraggeber. Die räumliche und plastische Konzeption des 2. Entwurfes wurden als notwendig empfundene Stützen eines Regimes gesehen dessen Lage mißlich war. Die Überarbeitung geschieht so auch aus sozialen Gründen, die mit den Kräfteverhältnissen zwischen der absolutistischen Monarchie und der aufsteigenden Industriebourgeoisie zusammenhängen.
Im ersten Entwurf ist noch deutlich der barocke Verband spürbar, in welchem es galt im Interesse höherer Einheitlichkeit die angewandten Ordnungen untereinander, die Hauptmassen mit den größeren Teile, diese wiederum mit den kleinsten Einzelheiten in Beziehung zu setzen. Diese Einheit steht der Vielheit unverbundener Teile des zweiten realisierten Entwurfs entgegen.
Im zweiten Entwurf, dessen Architektur sich eher dem minderwertigem Bautypus angleicht, stehen die verschiedenen Gebäude auf elliptischen Grundriß unverbunden nebeneinander. Die einzelnen Teile sind isoliert und die Bindung ist nicht mehr primär; anstelle des Verbandes tritt das Pavillonsystem oder die freie Vereinigung selbstständiger Existenzen. Hier ist ein Schritt getan zu einer neuen, heterogenen, nichtorganischen Konzeption eines aus autonomen Teilen zusammengesetzten Ganzen.
Das Eingangsgebäude befindet sich am unteren Scheitelpunkt. Der große Hof ist in Abschmitte aufgeteilt durch Ligusteralleen, die auf einen halbmondförmigen Platz führen, der gepflastert war.
Das Zentrum ist nicht raumhaft, d.h. Es gibt keine dekorativ betonten Wände, welche den Raum umfrieden. Das Pavillonsystem als Verein unabhängiger Elemente läßt dies nicht zu und steht im Gegensatz zu dem barocken Platz als unbedeckter Saal. Man findet schwer einen Standpunkt, von welchem sich die Objekte zu einem Bild schließen. Der Platz besitzt keine barocke Theatralik im Hinblick auf künftige Besucher, sondern die zukünftige Benützung steht im Vordergrund (wobei die Achse der Macht als theatrlisch gelten mag). Jeder Bau könnte in seiner blockhaftigen Körperlichkeit selbstständig stehen. Sie sind nicht aufeinander angewiesen wie im barocken Organismus, wo die Glieder ihren Sinn verlieren, löst man sie aus dem Zusammenhang des Ganzen.
Das zentral gelegene Gebäude enthielt die Verwaltungsbüros im Erdgeschoss und die Wohnräume des Direktors. Rechts und links davon die Solsiedereien und zwei Beamtengebäude, die jeweils am Ende von Durchmesser (225 m) liegen. Die Rundgebäude stellen die Arbeiterhäuser dar. Jeder Bau beziehungsweise Pavillon entlang der Peripherie und der gradlinigen Begrenzung ist sorgsam charakterisiert nach Rolle und Funktion und entspricht der Zerlegung in die wesentlichen Bestandteile einer kleinen Industriestadt. Die fünf Gebäude, die der Kreislinie folgen sind ähnlich in Grundriß und Baukörper, sie haben alle eine doppelgeschoßige Mitte mit Pyramidendach, rechts und links schließen sich eingeschoßige Flügel an.
Das Peristyl wirkt durch die kräftige Plastik seiner Säulen beeindruckend, wird im Entwurf jedoch nur als Dach umschrieben, welches den Arbeitern die Möglichkeit bieten soll am Gottesdienst teilzunehmen, falls im Innern kein Platz mehr vorhanden ist.
Die Galerie, durch welche die Arbeiter das Salz von einer Werkstatt in die andere karren, führt direkt unter dem Altar der Kapelle hindurch, welche aus Gründen der Raumersparnis in das Direktionsgebäude hineingenommen wurde.
Am Eingang ein Torhaus, das man durch einen Portikus aus sechs fußlosen dorischen Säulen betritt. Auf den Säulen ruht ein schwerer Architrav; dahinter der Eingang in einer Art imitierter Steingrotte. Diese dient als Musterbeispiel bei der Suche nach architektonischer Harmonie – im 18. Jahrhundert – Harmonie von Vernunft und Natur. Die schmückenden Architekturmotive an den glatten Wänden und aufwendige Säulen bilden einen Gegenpol zu den ansonst dreidimensionalen geometrischen Bauformen.
Städtebaulich wird die Landschaft großzügig in den architektonischen Verband mit einbezogen. Die Natur wird der baukünstlerischen Absicht unterworfen. Lage und Anlage wurden durch praktische Gesichtspunkte bestimmt. Die Stadt (Ledoux plante ein spiegelbildliche Erweiterung ‒ dieser Ansatz läßt sich an dem Peristyl der Solsiedereien auf der dem Hof gegenüberliegenden Seite ablesen) sollte ein Knotenpunkt des Verkehrs werden. Wichtige Verkehrskoordinaten werden über das Gelände gelegt und ihr Kreuzungspunkt wird zum Mittelpunkt der Stadt, um den Ledoux seine Ellipse schlägt. Diese venunftsmäße Vorgehensweise zeigt einen weiteren Gegensatz zum Künstler des Barock, der auf Steigerung der Landschaft aus war.
Die Stadt soll auf jeden Fall mit einer »großen Fabrik«, d. H. Einer ausreichend großen Produktionsstätte verbunden sein. Ledoux begreift die zunehmend engere Beziehung zwischen aufkommender Großindustrie und Stadtentwicklung. Gegenüber den Ballungstendenzen, die Ledoux in der neuen Gesellschaft ausmacht, versucht er die Bauwerke stets von Natur zu umgeben, so daß ein Gleichgewicht zwischen Stadt und Land entsteht. Die Stadt soll in all ihren Teilen hygienisch und luftig aufgebaut werden.
Diese Stadtideen werden sich bei E. Howards Gartenstadt und Fouriers Phalanstèrs wiederfinden. Die Prinzipien der Architektur, die Ledoux aufstellt, drücken zugleich Einfachheit und Funktionalität aus und entsprechen so dem selbstgesetzten Ziel: einer Architektur für alle unter Berücksichtigung der Probleme der Raumverteilung, der Zeitersparnis und der Hygiene.
