| Zeitraum | Beschreibung |
|---|---|
| ab ca. 1344 | Gesamtplanungs- und Bauzeit |
Der Prager Veitsdom reicht in seiner Entstehungsgeschichte bis in das 10. Jahrhundert zurück. So ließ Wenzel der Heilige bereits um 925 eine erste Veitsrotunde errichten, deren Reste unterhalb des heutigen Domlanghauses ergraben werden konnten. Diese lassen einen vermutlich zweigeschossigen Zentralbau mit vier Apsiden rekonstruieren, dessen runde Grundform zum Vorbild zahlreicher böhmischer Rotunden der Romanik werden sollte.
Dieser Ursprungsbau sollte bereits 1060 der romanischen Veitsbasilika weichen. Die 1096 geweihte Kirche war in noch spätottonischer Tradition als doppelchörige Anlage gestaltet worden, deren basilikales Langhausflach gedeckt war. Unter dem heutigen, in seiner Achse abweichenden Langhaus konnte die Apsis der Ostkrypta ebenso ergraben werden wie Reste des nördlichen Seitenschiffes.
Mit der 1344 erfolgten Erhebung Prags zum Erzbistum ging der Entschluss zu einem umfassenden Neubau eines Domes einher. Obgleich dessen Grundsteinlegung noch im selben Jahr in Anwesenheit König Johann von Luxemburgs stattfand, ging die Initiative zu dem ehrgeizigen Projekt bereits von dessen Sohn, dem späteren Kaiser Karl IV., aus. Dieser war es auch, der den zuvor am Papstpalast in Avignon tätigen Matthias von Arras als ersten Dombaumeister verpflichtete. Der nordfranzösische Architekt konnte bis zu seinem Tod im Jahr 1352 jedoch nur Teile des Umgangs und Kapellenkranzes vollenden. So blieb es dem 1356 nach Prag berufenen Peter Parler vorbehalten, den Veitsdom zu einem epochalen Bauwerk der beginnenden Spätgotik auszugestalten. Neben der Vollendung des Chores zeichnete der Sohn des Kölner Dombaumeisters Heinrich Parler auch für die architektonische Akzentuierung der zur Stadt hin gerichteten Südseite verantwortlich. Dort entstand neben der quadratischen Wenzelskapelle und der Vorhalle des Querhauses auch ein Turmbau, der an die Stelle der für die hochgotischen Kathedralbauten Frankreichs und Deutschlands charakteristischen Doppelturmfassade treten sollte. Von diesem Südturm war beim Tod Peter Parlers im Jahr 1399 jedoch erst das Untergeschoss fertiggestellt worden, sodass die Fortführung der Arbeiten dessen Söhnen Wenzel und Johann sowie dem 1418 erstmals erwähnten Meister Petrlík (Peterchen) oblag. Die Arbeiten schritten jedoch zunehmend langsamer voran, sodass zwar noch das zweite und dritte Geschoss in den Formen der Spätgotik errichtet werden konnten, während der von Bonifaz Wolmut und Hans von Tirol 1560-62 geschaffene, im 18. Jahrhundert veränderte Turmaufsatz bereits die Stilmerkmale der Renaissance zeigt.
Die Fertigstellung des Südturmes bedeutete das vorläufige Ende der Bautätigkeit. Auch die 1673 durch Kaiser Leopold I. initiierte Wiederaufnahme der Arbeiten sollte bereits zehn Jahre später zum Erliegen kommen. So dauerte es bis zum Jahr 1842, ehe die Vorarbeiten zur neogotischen Vollendung des Veitsdomes begannen. Als Ausdruck nationalen Selbstbewusstseins sollte die Vollendung des mittelalterlichen Baus einen ähnlichen Symbolwert besitzen, wie dies beim bereits einige Jahre zuvor begonnenen Weiterbau des Kölner Doms der Fall gewesen war.
Trotz hoher Anteilnahme der Bevölkerung kamen die unter der Leitung Andreas Kranners begonnenen Arbeiten zunächst nur schleppend voran. Erst unter dessen Nachfolger Joseph Mocker nahm das Langhaus mit seiner teilweise scharf kritisierten Doppelturmfassade seine heutige Gestalt an, ehe die Weihe des 28.9.1929 dann das Ende der seit der Jahrhundertwende von Kamil Hilbert geleiteten Bau- und Ausstattungsarbeiten markierte.
Der 1344 durch Matthias von Arras begonnene Chor zeigt in seiner Grundrissdisposition eine deutliche Orientierung an den hochgotischen Kathedralen Südfrankreichs, von denen etwa Toulouse, Narbonne und insbesondere Rodez als unmittelbare Vorbilder benannt werden können. Wie dort zeigen die Einzelformen jene weitestgehend standardisierte Sprödigkeit und Schärfe, die der Baukunst der ausgehenden Hochgotik die Bezeichnung als »Doktrinärgotik« eingetragen hat.
Mit der Berufung Peter Parlers zum Dombaumeister im Jahre 1356 sollte diese durch spannungsarme Linearität geprägte Architektur in eine gänzlich neue Formensprache übersetzt werden. So wurden die oberen Partien des Chores in eine fast barock anmutende Schwingung versetzt, die vor allem durch das spornartige Vorspringen des Triforiums im Bereich der Dienstbündel hervorgerufen wird. Auch die Obergadenfenster nehmen an dieser dynamischen Wellenbewegung teil, indem die jeweils äußeren Bahnen ihres Maßwerks in ihren unteren, von Kielbögen überfangenen Teilen dem Verlauf der Triforienzone folgen und so ein »Fenster im Fenster« bilden. Eine weitere Belebung des im Kern noch hochgotischen Aufrisssystems erfolgt zudem durch die rhythmische Parallelverschiebung zwischen den stämmigen Säulchen des Triforiums und den Pfosten seiner Verglasung. Auch mit dem wohl von englischen Vorbildern abgeleiteten Gewölbe dynamisiert Peter Parler das seit dem frühen 13. Jahrhundert dogmatisierte Gesamtkonzept. So verdoppelt er das hochgotischem Standard entsprechende Kreuzrippengewölbe zu einer scherenartigen Figur aus einander durchkreuzenden Dreiecken.
Auch am Außenbau variiert der Architekt ein bereits bekanntes Thema, indem er das Chorstrebewerk des Kölner Doms durch Durchdringungen der Einzelelemente zu einer organisch gewachsen erscheinenden Architektur auflockert. Der Variationsreichtum der unterschiedlichsten Gestaltungselemente erfasst auch das Maßwerk mit seinen aus dem insularen »Decorated Style« entwickelten Pass- und Fischblasenformen.
Als eigenständigen Zentralbau gestaltete Peter Parler die 1367 geweihte Wenzelskapelle, die neben ihrer überaus reichen Ausstattung vor allem durch ihr engmaschiges Netzgewölbe und die sorgfältig gearbeiteten Portale als Grablege des böhmischen Nationalheiligen hervorgehoben wird. Die innovativen Gewölbefiguren sollten auch die Architektur weiterer von Peter Parler konzipierter Gebäudeteile charakterisieren. So führt er etwa mit der 1362 errichteten Sakristei erstmals das Hängegewölbe in die kontinentaleuropäische Architektur ein. Dort hängt der Schlussstein frei an acht vom Wölbgrund gelösten Luftrippen, die auch an der Vorhalle des südlichen Querhausportales als zentrales Wölbungsmotiv wieder aufgenommen werden sollten. Besonderes Augenmerk verdient das von Peter Parler der Südseite des Chores angefügte Treppentürmchen, dessen Treppenlauf den dahinter liegenden Strebepfeiler in zartesten Maßwerkformen gleichsam aushöhlt.
Der von Peter Parler begonnene Südturm stellt einen radikalen Bruch mit der früh- und hochgotischen Konzeption einer westichen Doppelturmfassade dar. Er trägt wesentlich zur Ausbildung einer zur Stadt hin gerichteten südlichen Schauseite bei.
Zu den letzten Baumaßnahmen des Mittelalters zählt das 1490-93 nach Entwürfen Benedikt Rieds errichtete Wladislaw-Oratorium, das mit seinen als naturalistisches Astwerk gestalteten Einzelformen bereits die letzte Phase gotischer Architektur repräsentiert.
Bereits das Formenrepertoire einer von Sebastiano Serlio beeinflussten Renaissance zeigt die heute im nördlichen Querschiff befindliche Orgelempore. Diese war 1557-61 durch Bonifaz Wolmut als westlicher Abschluss des mittelalterlichen Dombaus geschaffen worden.
Die erst im 19. und 20. Jahrhundert vollendeten Westteile sollten in ihren am hochgotischen Schema orientierten Gestaltung wieder zu jener dogmatisierten Baugesinnung zurückkehren, mit der Peter Parler einst so entschieden gebrochen hatte. Insbesondere die dem Langhaus vorgelagerte Doppelturmfassade wurde daher wiederholt zum Anlass heftigster Kritik.
Aus der ansonsten überraschend sparsamen figürlichen Bauplastik der Parlerzeit ragen vor allem die 21 Porträtbüsten der Triforiumsgalerie hervor. Die über den ursprünglichen Pfeilerdurchbrüchen angebrachten Skulpturen stellen Zeitgenossen Karls IV. dar. So erscheinen neben zahlreichen Angehörigen des Hauses Luxemburg auch drei Erzbischöfe, die Baudirektoren sowie die beiden Dombaumeister Matthias von Arras und Peter Parler. Insbesondere Letztere gehören zu den bedeutendsten Bildwerken am Beginn der nachantiken Porträtkunst Europas.
Die fast sechs Jahrhunderte umspannende Bauzeit des Veitsdoms spiegelt sich auch in dessen überaus reicher Ausstattung wieder. Die bedeutendsten noch aus der Parlerzeit stammenden Arbeiten finden sich in der mit Halbedelsteinen und goldenem Stuck ausgekleideten Wenzelskapelle. Von deren Bildwerken verdienen vor allem die 1373 vermutlich von Heinrich Parler geschaffene Statue des Heiligen Wenzel sowie die etwa gleichzeitig vermutlich von Meister Oswald geschaffenen Wandmalereien der unteren Wandpartien Beachtung. Die darüber liegenden Szenen aus der Vita des heiligen Wenzel wurden hingegen erst um 1509 durch den Meister des Leitmeritzer Altars ausgeführt. Bereits der Renaissance entstammt auch der 1532 durch Hans Vischer aus Nürnberg gearbeitete Bronzeleuchter.
Ebenfalls dem 16. Jahrhundert gehört das im Zentrum des Chores errichtete Habsburger-Mausoleum an. Das monumentale Kaisergrabmal wurde bereits 1564 in Innsbruck nach Entwürfen Alexander Collins als Denkmal Ferdinands I. und seiner Frau Anna Jagiello begonnen, ehe es dann bis 1589 unter Rudolf II. umgestaltet wurde.
Von der barocken Ausstattung des Veitsdomes verdient vor allem das 1733-36 in Wien nach Entwürfen Joseph Emanuel Fischer von Erlachs gestaltete Hochgrab des heiligen Johannes von Nepomuk besonderes Augenmerk. Vom selben Künstler stammt auch das Grabmal des 1723 verstorben Feldmarschalls Graf Schlick.
Im Zusammenhang mit der Vollendung des Domes erfolgten noch im 20. Jahrhundert bedeutende Ausstattungsmaßnahmen. Von diesen seien neben dem neogotischen Hochaltar vor allem die unter anderem von Alfons Mucha (1931) und Max Svabinský (1934) gestalteten Glasfenster erwähnt.
